"Wegweiser durch das Haus der Demokratie 2018/19"

Haus der Demokratie, Eingang

Liebe Leserin, lieber Leser,

haben Sie Angst? Angst in einfachen Situationen, in denen man ganz schnell reagieren muss? Sollten Sie dies bejahen, dann ist das zunächst nicht beunruhigend, denn die in Millionen von Jahren sich entwickelten Gene machten den Menschen zum ängstlichen Fluchttier. Lebenswichtig war für unsere jagenden und gejagten Vorfahren, nicht lange zu überlegen, sondern ganz schnell (weg)zulaufen. Überlebt haben nicht die Nachdenker, sondern die Flüchtenden. Feigheit brachte die Menschheit weiter. Die Sinne sind nach wie vor darauf ausgerichtet, die Umgebung nach Gefahren abzusuchen. Gefahr prägte sich ein, die positive Lösung dagegen war schnell vergessen, weil neue Gefahr drohte.

Und so verfahren wir auch heute noch: unsere Sinnesorgane sind begierig, schlechte Nachrichten aufzunehmen. Das wissen die Journalisten. Aufmerksamkeit wird durch das Schüren von Ängsten erreicht, je schlimmer, desto größer der Umsatz, die Einschaltquote oder die Anzahl der Follower in den Sozialmedien. Schlechte Nachrichten kreisen um den Erdball, weil die Medienmacher überall das gleiche Konzept verfolgen: schlechte Nachrichten versprechen die größte Aufmerksamkeit. Kein Wunder ist es dadurch, dass so viele Menschen glauben, in ihrer Gesellschaft geht es immer mehr drunter und drüber. Dem Schlechten wird eher Glauben geschenkt: Naturkatastrophen, Kriminalität, Terror. Ganz im Unterschied zum Qualitätsjournalismus spielt in den sozialen Medien die Wahrheit eher eine Nebenrolle. Wann wird dort mal eine positive oder beruhigende Nachricht verbreitet? Sie sind hocheffektive Angstmaschinen, so schrieb Walter Wüllenweber. Der Populismus baut darauf, er braucht die Ängstlichen, bei Ihnen fällt Ihre Botschaft auf fruchtbaren Boden: alles wird schlechter. So entstehen Missgunst, Intoleranz, Verschwörungstheorien, völkischer Wahn, Hass, Rassismus bis hin zu Mord.

Dabei ist das Verhältnis gut zu böse eher umgekehrt: noch nie ging es uns so gut wie heute, noch nie waren die Menschen so reich, so gebildet, so gesund, so frei und sicher vor Gewalt. Deutschland hat die niedrigste Kriminalitätsrate seit der Wiedervereinigung, viel weniger Jugendgewalt und Mord, hat die Massenarbeitslosigkeit nahezu überwunden und ist trotz Millionen Geflüchteter einer der besten Sozialstaaten weltweit.

Angst ist ein schlechter Ratgeber, wenn es sich um die Bewältigung globaler Probleme handelt oder unsere gesellschaftlichen Verknotungen gelöst werden müssen. Ja, es ist mühevoll, sich genau zu informieren, sich intensiv mit einem Problem zu beschäftigen. Doch nur dann, so zeigen Untersuchungen, glaubten viel weniger Menschen den sog. Fake-News. Diese Menschen bleiben oder werden optimistischer. Die Wähler populistischer Parteien fielen dagegen bei einer Studie am häufigsten auf (erfundene) Falschmeldungen herein. Sie empfinden die gesellschaftlichen Verhältnisse weitaus bedrohlicher als die Wähler anderer Parteien. Sie halten das demokratische System für unfähig, die (Schein)Probleme zu lösen.

Dieses System, das uns so viele friedliche Jahre brachte, ist nicht unumkehrbar. In den USA, in einigen Osteuropa-Ländern, in Großbritannien sind bereits Populisten an der Macht, die die freien Medien, freie Wahlen, Freiheit der Wissenschaft, die Unabhängigkeit der Justiz, den freien Handel bedrohen. Besonders die EU, aber auch die UNO, wird von Ihnen immer mehr in Frage gestellt.

All das sind Entwicklungen, denen wir uns mit den guten Nachrichten und Errungenschaften nachdrücklich entgegenstellen müssen.

Rolf Schumann
Geschäftsführer
Leipzig, Januar 2020

Unseren aktuellen Wegweiser finden Sie sowohl im Haus der Demokratie als auch in Bürgerämtern, Bibliotheken der Stadt Leipzig und vielen anderen öffentlichen Einrichtungen