Jochen Läßig

Mitbegründer des Neuen Forums
von 1990 -1999 Stadtrat für Bündnis 90/Die Grünen und Fraktionsvorsitzender
seit 1999 Rechtsanwalt in Leipzig

Nach dem Demonstrations-Herbst ´89 saßen im Dezember desselben Jahres zum ersten Mal Vertreter "Der Partei" (SED) und der Staatsmacht zusammen mit den Vertretern der Bürgerbewegungen und der im Entstehen begriffenen neuen Parteien an einem Tisch. Ziel dieser Treffen war es, dem Protest auf der Straße politische Konsequenzen folgen zu lassen. Auf lokaler Ebene sollte ein Gremium über den Weg der demokratischen Umgestaltung beraten und Interimsentscheidungen bis zu demokratischen Wahlen treffen.

Ehe aber die Oppositionsgruppen Neues Forum, SPD und Demokratischer Aufbruch in Sachgespräche eintraten, forderten sie zuerst einmal zumutbare Arbeitsbedingungen. Bis zu diesem Zeitpunkt existierten diese Gruppen in sehr schwierigen räumlichen Verhältnissen. Das Neue Forum hatte ein Abrißhaus in der Dreilindenstraße besetzt, für viele der jungen Leute, die die Arbeit zu Beginn getragen haben, zwar keine ungewöhnliche Erfahrung, für die große Bürgerbewegung, die damals als künftige Regierungspartei gehandelt wurde, aber doch ungeeignet. Andere Gruppen sammelten sich in Wohnungen, die Leipziger Gliederung des Vorläufers der Ost-SPD gründete sich in einer Leipziger Kirche.

Die Forderung nach einem geeigneten Haus für die Opposition wurde von uns als Ultimatum formuliert: "Wenn ein solches nicht binnen kürzester Zeit zur Verfügung steht, gibt es keinen Runden Tisch und die politische Entwicklung dieser Stadt wird weiter der Straße überlassen." Nachdem die SED-Führung zu einem ersten Termin noch zu beschwichtigen versuchte und zuerst einmal in den Sachdialog eintreten wollte, wurde schon beim zweiten Treffen unsere Forderung erfüllt. Einer der Sekretäre der SED-Bezirksleitung, Jochen Pommert, schlug das Haus der SED-Stadtleitung in der Bernhard-Göring-Straße als Sitz der neuen Bürgerbewegung und Parteien vor. Schon im Januar sollte das Haus übergeben werden.

Die drei ersten "Hauptmieter" waren das Neue Forum, die SPD und der Demokratische Aufbruch. Jede dieser Gruppen beanspruchte jeweils eine ganze Etage mit zahlreichen Räumen für sich. Über die Verteilung der Stockwerke entschied das Los. Die beiden unteren Etagen wurden neu gegründeten Vereinen wie ÖKOLÖWE und Behindertenverband, zur Verfügung gestellt.

Am 2.Januar 1990 wurde das Haus auf dem Grundstück Bernhard-Göring-Straße 152 von Vertretern der SED und der Stadt offiziell an Vertreter der Gruppen übergeben. Christian Scheibler vom Bürgerkomitee, Erika Bächer und Ines-Maria Köllner von Demokratie Jetzt nahmen die Schlüssel in Empfang und unterschrieben das Übergabeprotokoll.

In der Folgezeit entwickelte sich im neuen Haus der Demokratie ein reges Leben. Auch wenn drei Parteien das Haus übernommen hatten, beschränkte sich deren Tätigkeit keineswegs auf die reine Parteiarbeit. Dies hing damit zusammen, dass die - damals zwar juristisch als Parteien eingestuften - Bürgerbewegungen sich gar nicht als Parteien verstanden und ein viel breiteres Spektrum gesellschaftlicher Betätigung im Auge hatten. So gründeten sich etwa aus Arbeitsgruppen des Neuen Forum heraus neue Schulen, wie Nachbar-schaftsschule und Freie Schule Connewitz, aus einer anderen Gruppe das Umweltinstitut. Der Forum-Verlag nahm auf der Etage des Neuen Forum seinen Sitz ein und veröffentlichte die ersten Wende-Dokumentationen. Das Neue Forum richtete eine Bibliothek und ein Café ein; das Haus sollte nicht nur Arbeits-, sondern auch Lebensraum sein. In letzterer Einrichtung kam es gelegentlich auch zu Übernachtungen, freiwillig und unfreiwillig, weil gerade mal wieder jemand die Haustür verschlossen hatte, ohne die letzten Besucher des Hauses zu verweisen.

Das anfangs etwas chaotische Leben im Haus der Demokratie sollte allerdings bald geordneteren Formen weichen. Nicht zuletzt der ökonomische Druck, der durch die kostendeckende Verwaltung der Immobilie gegeben war, zwang die erste Nachwende-Generation des Hauses, enger zusammenzurücken. So wurde Platz für noch mehr Vereine und einige kommerzielle Nutzer.

Parteien prägen heute die Arbeit des Hauses nicht mehr. Der Demokratische Aufbau existiert nicht mehr. Die SPD hat ihre rückübertragene Immobilie in der Rosa-Luxemburg-Straße wieder in Besitz genommen. Auch Bündnis 90/Die Grünen - aus Neuem Forum, Demokratie Jetzt, Grüner Partei und Initiative für Frieden und Menschenrechte entstanden - zogen im Jahr 2000 in die Leipziger Innenstadt.

Heute ist das Haus der Demokratie vorwiegend Sitz von Vereinen, die nach der Wende entstanden sind. Für sie ist das Haus mehr als nur günstiger Büroraum. Die räumliche Nähe zu anderen Vereinen und Verbänden ermöglicht eine Zusammenarbeit mit kurzen Wegen. Besucher können sich mit unterschied-lichen Anliegen an verschiedene Adressen im gleichen Haus wenden.

Das Haus der Demokratie bleibt seinem ursprünglichen Anliegen treu: Begegnungs- und Arbeitsstätte für politisch und gesellschaftlich engagierte Bürger zu sein. Diese Funktion ist heute so nötig wie 1990, in jener Stadt, die Ausgangspunkt der demokratischen Wende im Osten Deutschlands war.