25 Jahre Haus der Demokratie im Jahr 2015

Die Opposition in der DDR, besonders aus und in kirchlichen Kreisen, engagierte sich über viele Jahre für eine Demokratisierung der Gesellschaft. Die Partei- und Staatsführung erhöhte den Druck. Dies und die sich verschlechternde wirtschaftliche Lage veranlasste immer mehr Menschen, das Land in Richtung Westen zu verlassen. Aber es waren auch immer mehr Menschen, die sich den Protesten der Bürgerbewegung anschlossen. Leipzig erlebte mit Massendemonstrationen den heißen Herbst 1989. Die SED und die Regierung kapitulierten vor dem Unmut des Volkes – der politische Wandel vollzog sich innerhalb weniger Wochen. Die Übergabe der ehemaligen SED Stadtleitung in der Bernhard-Göring-Straße 152 am 2. Januar 1990 an die Opposition war eines der wichtigsten Ergebnisse des Herbstes. Den neuen demokratischen Gruppierungen, Parteien, Verbänden und Vereinen, die sich bis dahin in kirchlichen Räumen und Wohnungen trafen, boten sich hier gute Arbeitsbedingungen. Die PDS blieb zunächst Eigentümerin des Hauses. Daraus entstanden viele Unsicherheiten für die Organisationen. Erst 1992 erhielt die Stadt Leipzig das Eigentum am Grundstück von der Treuhand zurück. Doch die Stadt tat sich schwer, einen Vertrag mit dem 1992 gegründeten „Haus der Demokratie Leipzig e. V.“ abzuschließen. Die Jahre nach 1990 waren unruhig. Der politische und gesellschaftliche Umbruch forderte Kraft. Nur wenig Energie blieb für den Erhalt des Hauses. 1995 – es gab immer noch keine Vereinbarung mit der Stadt über die Nutzung – stand der Verein vor dem Aus. Mit einem neuem Nutzungskonzept und Konsequenz holte Rolf Schumann, der neue Geschäftsführer, den Verein aus den roten Zahlen. Seiner Initiative und der Kooperation mit der Schaubühne Lindenfels ist es zu verdanken, dass zwischen 1996 und 1998 die Kinobar und der Biergarten „Prager Frühling“ sowie das Tanzcafé „Ilses Erika“ hinzukamen. Nach langem Kampf unterzeichnete die Stadt Leipzig 1999 einen Erbbaupachtvertrag für die Dauer von 66 Jahren mit dem Hausverein. Auf dieser Basis konnte das Haus Schritt für Schritt nach historischen Vorlagen und ökologischen Gesichtspunkten umgebaut werden. In den vergangenen 25 Jahren wandelte sich das Haus der Demokratie von einer grauen Maus mit umweltverpestender Kohleheizung zu einem modernen barrierefreien, emissions- und abfallarmen Vereinshaus mit heller Fassade. Ja, bei dem, was erreicht wurde, schwingt Stolz mit. Das Leipziger Haus der Demokratie ist das e inzige seiner Art in Ostdeutschland, das an seinem historischen Ort erhalten blieb. Das Gebäude und seine Geschichte blieben erhalten. Das Innenleben hat sich jedoch schon früh verändert. Das Miteinander im Haus bekam bereits im ersten Jahr Risse. Wahl- und andere Kämpfe hatten die Gemeinsamkeiten schnell in den Hintergrund rücken lassen.

Es gibt sie noch immer, die Mitglieder der ersten „Besatzung“. Sie arbeiten Tür an Tür mit einer neuen Mietergeneration, die nur wenig vom Kampf um das Haus weiß. Und es gibt auch immer noch die kurzen Wege im Haus. Die Chancen, die Vernetzungen und gemeinsames Handeln bringen würden, werden aber viel zu selten genutzt. Auch das gehört zur Demokratie. Das Bedürfnis nach mehr Gemeinschaft ist vorhanden. Aber verändern wird sich das nur, wenn es gewollt und aktiv umgesetzt wird. Selbst- und nicht von einem Geschäftsführer oder Verein fremdbestimmt. Das ist die Basis, mit der die Bürgerbewegung vor 25 Jahren die Schlüssel für die Bernhard-Göring-Straße 152 übernahm. Heute ist es unser Erbe. Der Erbbaupachtvertrag schenkt dem Haus und seinen Mietern noch einmal 2 x 25 Jahre. Diese Zeit ist ein Geschenk, in der wir uns weiter annähern, gemeinsam arbeiten, gemeinsam feiern, gemeinsam demokratische Bürgerrechte einfordern und durchsetzen können.

Geschichte des Hauses vor 1990

In der früheren Elisenstraße 152 wurde ab April 1901 unter der Leitung von Otto Wilhelm Scharenberg das Städtische Waisenhaus gebaut und am 11. Mai 1903 bezogen. Aufnahme fanden hier neben elternlosen Kindern auch solche, deren Eltern nicht für sie sorgen konnten. Mit Änderung der Jugend- und Fürsorgegesetze kamen ab 1909 auch Fürsorgezöglinge hinzu.

Im November 1928 wurden die im Haus untergebrachten Kinder in verschiedene andere Heime verlegt. Da der Bedarf an Unterkünften für junge Männer bereits ab Anfang der 1920er Jahre stark gestiegen war, wurde das Haus umgebaut und ab 1929 zum Burschen- und Lehrlingsheim umgewandelt. In einer Etage befand sich eine Jugendherberge. Mit der Machtergreifung der NSDAP im Frühjahr 1933 wurde der damalige Leiter des Heimes, ein ehemaliges SPD-Mitglied, sofort entlassen. Der „Deutsche Hilfe e. V.“, eine Spitzenorganisation der NSDAP, übernahm das Heim.

Ab 1935 nutzte die Deutsche Hilfe das Gebäude als Kinderheim. Für die Verwundeten des Westfeldzuges richtete die Wehrmacht vom Mai bis August 1940 ein Teil-Lazarett ein. Die Kinder mussten innerhalb weniger Tage in Ausweichquartiere umziehen.

Von sechs Jungen, die im Heim untergebracht waren, ist bekannt, dass sie Opfer des Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten wurden. Fünf von ihnen starben in den Landesheil- und Pflegeanstalten Dösen bzw. Großschweidnitz. Ein Junge überlebte und wurde Anfang Mai 1945 aus Großschweidnitz entlassen.

Der Nordflügel des Kinderheimes wurde beim Luftangriff vom 4. Dezember 1943 auf Leipzig fast vollständig zerstört. Die Kinder wurden am selben Tag in Heimen im Leipziger Umland aufgenommen. Beim Luftangriff der Alliierten am 20. Februar 1944 wurde der Südflügel getroffen und die Schutzhalle im Garten zerstört.

Nach dem Krieg wurde das Ruinengrundstück zum Abenteuerspielplatz und Feuerholzlieferanten. Obwohl es Interessenten für das Gebäude gab, verfiel es wegen fehlender Baukapazitäten und Mittel immer mehr. Erst 1957 übernahm das Konstruktions- und Ingenieurbüro Chemie die Ruine und baute sie über mehrere Jahre aus eigenen Mitteln wieder auf. Der als Interim geplante Bürobau wurde von dem Unternehmen dann bis 1982 genutzt.

Im Januar 1983 begann die SED Stadtleitung mit der Rekonstruktion des Hauses, im Oktober desselben Jahres zog sie in die Bernhard-Göring-Straße 152 ein.

Leipzig, im Juli 2015

Rolf Schumann (Geschäftsführer), Petra Seyde (Chronistin)